SASCHA

titel_saschaman kann im leben so vieles verlieren. den autoschlüssel, die nerven, das herz und ja, letztlich auch das leben selbst. im tagein tagaus häufig verdrängt und vergessen, doch dann boum! hängt alles auf einmal nur noch an einem seiden faden. die welt steht still. alles rückt in den hintergrund und es geht einzig und allein um das morgen. das überleben.

krebs ist grausam, gemein und hinterhältig. unberechenbar und häufig unheilbar. zehrt am leben des patienten. aber auch freunde und familie werden aus ihrem trott gerissen und mit vielen gedanken konfrontiert, die lebensentwürfe häufig über den haufen geworfen. und dann gibt es da hoffnung. es gibt sie, die überlebenden, die alle strapazen über sich ergehen liessen, die dem krebs paroli geboten haben: seht her, hier bin ich! sascha ist einer von ihnen. mit denen alles gemacht wurde, was in der medizinischen macht der ärzte stand. der durch grandiose unterstützung von freunden und familie sich selbst und allen anderen gezeigt hat, dass es noch lange nicht zu ende ist.

mit 27 wird bei ihm ein bösartiger gehirntumor diagnostiziert: OP, chemo, therapien, reha und immer die bange frage, was wird. heute kann man sagen: alles großartig geworden. und über die zeit von damals bis heute hat sascha ein buch geschrieben, das ich euch sehr ans herz legen möchte.
schon der titel „vom krebspatienten zum kilimanjaro-besteiger“ zeigt, dass es weitergeht. immer nach oben. zwar nicht steil, aber schritt für schritt.

buch
sascha, ohne dir zu nahe treten zu wollen: 27 ist schon ziemlich lange her. wie konkret beeinfusst deine krebserkrankung von damals dich und dein leben heute (noch)?
körperlich habe ich wirklich das gefühl, das ist alles schon lange her. zum glück bin ich von spätfolgen verschont geblieben. da ist zum beispiel kein kribbeln in den fingerspitzen, wie man es von vielen chemotherapiepatienten hört. außer einer leichten gangunsicherheit spüre ich im alltag also nichts mehr von meiner erkrankung. geblieben ist mir nur die narbe am hinterkopf. aber die sehe ich ja nicht.
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geistig ist das thema krebs bei mir aber immer wieder präsent – weniger wegen meiner eigenen erkrankung, sondern wegen der fälle von anderen: steht in einer zeitschrift oder im internet ein bericht über einen krebsfall, dann zieht mich dieser artikel an wie ein magnet – ich muss ihn lesen. das nennt man dann wohl empathie – ich kann nachempfinden, wie es der person in dem bericht geht, wie sie sich in einem bestimmten moment fühlt und was sie denkt. dieses mitfühlen mit anderen krebskranken wird mich wahrscheinlich nie mehr loslassen. aber dieses wieder-in-die-thematik-reingezogen-werden empfinde ich als positiv, es belastet mich nicht.

wie oft denkst du: was wäre, wenn…
dieser gedanke kommt mir ab und zu, wenn ich bei meinen eltern zu hause beim essen sitze und wir uns angeregt unterhalten, lachen, und uns gegenseitig erzählen, was in den vergangenen tagen oder wochen in unseren leben passierte. ich frage mich dann, ob meine eltern auch so gelassen und fröhlich beim essen miteinander reden würden, wenn ich nicht überlebt hätte und mein potenzieller platz am tisch für immer leer geblieben wäre.

ein diplom-psychologe sagte mir einmal, dass die angehörigen meist das größere problem nach der diagnose krebs hätten als der betroffene selbst. so makaber sich das anhört: für den krebskranken ist es manchmal nach monaten schon vorbei, aber die ehefrau oder der ehemann, die eltern und die kinder, sie haben des rest ihres lebens mit dem verlust zu kämpfen.

was ist heute deine größte angst?

im song “purity” der band new model army heißt es: „fear is the only enemy that i still know“. ich habe keine angst durch dunkle straßen zu spazieren, ich habe keine angst vor fremden menschen, keine angst vor einem überfall. aber ich habe angst zu stürzen und mich an den fingern und händen zu verletzen. meine hände sind mein kapital: als werbetexter bin ich auf funktionierende finger und angewiesen, ähnlich wie ein klavierspieler. nicht mehr schreiben zu können, keinen stift mehr halten zu können, keine computer-tastatur mehr bedienen zu können, nicht mehr in meinem beruf arbeiten zu können, das würde mich hart treffen. darum vermeide ich sportarten, bei denen hohe geschwindigkeiten erreicht werden, wie z.b. skaten oder snowboarden. früher habe ich mich auf dem rennrad mit über 80 km/h den berg hinuntergestürzt, heute fahre ich nicht mehr schneller als 30 km/h auf der geraden.
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was symbolisert der kilimanjaro für dich?
die besteigung des kilimanjaro schenkte ich mir ja selbst zu meinem „zehnten“ geburtstag, also zehn jahre, nachdem ich aus der narkose der gehirntumor-op erwachte und alle extremitäten bewegen konnte. damals wusste ich: ich kann irgendwann mal wieder joggen gehen oder wandern. nach zehn jahren wollte ich ein zeichen setzen: ich wollte anderen beweisen, zu was ein ex-krebskranker, ein sogenannter „survivor“, noch fähig ist. dass ich den kilimanjaro als ziel wählte, ist auch im buch beschrieben: eine ehemalige arbeitskollegin erzählte mir, das die 60-jährige tante ihres freundes des kilimanjaro bestiegen hatte. da dachte ich mir: das versuche ich auch. denn mit der aussage „ich habe als ex-krebskranker den kilimanjaro bestiegen“ kann fast jeder etwas anfangen, selbst wenn er nicht weiß, wie hoch der kilimanjaro ist. aber in den köpfen der leute ist er einfach ein verdammt hoher berg. er eignete sich also perfekt für mein vorhaben.

für mich persönlich ist der kilimajaro der berg, an dem ich einen der bewegendsten momente erlebte. beim gipfelaufstieg in der nacht blickte ich auf etwa 5500 meter höhe in den völlig überwältigenden sternenhimmel über mir. weil der kilimanjaro ein monolith ist, also ein einzeln stehender berg ohne andere berge darum herum, kann man von dort bis weit zum horizont schauen. und so entsteht der eindruck, als sehe man die sterne nicht nur über sich, sondern auch neben und am horizont sogar unter sich. ich fühlte mich also, als steige ich mitten in den himmel hinein. diesen moment am kilimanjaro werde ich nie vergessen.
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am anfang des buches schreibst du: wenn man ein konkretes ziel hat, das man erreichen will, dann kann das training dafür auch jede menge spaß machen. scheitern ist also keine option? ist nicht auch der weg das ziel? wie gehst du mit sportlichen niederlagen um?
bei dieser aussage geht es mir um den aspekt training. training ist für viele ein kampf, in erster linie ein kampf gegen den inneren schweinehund, der lieber aufs sofa will als ins fitnessstudio. andere trainieren monatelang verbissen, nur um beim marathon drei oder fünf minuten schneller zu sein. wieder andere wollen abnehmen und quälen sich bei jedem wetter beim nordic walking durch den wald. vielleicht sollte ich „konkretes ziel“ durch „realistisches ziel“ ersetzen. ich nahm mir dinge vor, von denen ich wusste, dass ich sie erreichen kann. ich wusste zwar nicht, ob ich das ziel erreichen würde, aber es war im bereich des möglichen. und: ich habe das training nie über andere dinge wie z.b. sozialkontakte gestellt. das schreibe ich auch im buch zum marathontraining vor meinem 4-stunden-versuch. ich war gewillt, drei monate zu opfern, mehr nicht. aber die drei monate training machten mir spass.

für mich ist also auch der weg das ziel, aber nur, wenn der weg nicht ewig weit und nicht aussichtslos ist – in einem solchen fall genieße ich lieber das leben. ich betrachte scheitern nicht als niederlage. ich mag den begriff an sich auch nicht. in sportlicher hinsicht kenne ich für mich persönlich den begriff „scheitern“ gar nicht. wenn ich auf einen 3.000er wandern will, muss aber 500 höhenmeter unter dem gipfel aus welchen gründen auch immer umkehren, dann sage ich mir im tal „wow, ich war auf 2.500 metern höhe – das schafft auch nicht jeder.“ und ich habe respekt vor menschen, die bei einem marathon nach 35 km aussteigen. in meinen augen sind sie nicht gescheitert, sie sind 35 km am stück gelaufen – das soll denen erst einmal jemand nachmachen. an einem punkt aufzuhören, auszusteigen ist für mich nicht ein scheitern im sinne von „das ziel nicht erreicht“, sondern eine leistung im sinne „das überhaupt geschafft zu haben.“ das nimmt einem den druck, unter den sich viele selbst setzen und lässt einen entspannter durchs leben gehen, laufen oder wandern.

möchtet ihr mehr von sascha lesen? oder hören?

dann schaut doch auf www.saschakoller.de, da findet ihr bestellmöglichkeiten, könnt direkt mit sascha in kontakt treten oder schauen, wann die nächsten lesungen geplant sind.

zum abschlus noch das oben erwähnte lied purity von NMA. danke sascha, dass du deine geschichte mit uns teilst. unser gemeinsamer teil deiner geschichte ist nun auch schon stolze 13 jahre alt. crazy, oder? every time an adventure, bro.

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